
«Ich wurde als Säuferin abgestempelt», «Ich hatte Angst, das Sorgerecht für meine Kinder zu verlieren, wenn ich mir Hilfe suche», «Trinkt ein Mann, wird mit den Schultern gezuckt. Trinkt eine Frau, wird sie schief angeschaut», «Wir sind in der Gruppe nur unter Frauen. Das ist etwas ganz anderes. Wir können so viel offener miteinander sprechen», so die Erfahrungen einiger Frauen am Tageszentrum Ardon.
Für das Suchtverhalten vieler Frauen gibt es Gründe in ihrer persönlichen Lebensgeschichte, die oft von Traumata, verbaler und körperlicher Gewalt und Demütigungen geprägt ist. Dennoch verurteilt die Gesellschaft suchtkranke Frauen mit besonderer Härte und reduziert sie auf ihr Suchtverhalten. Dabei müssen Betroffene viel Kraft und Mut aufbringen, um wieder auf die Beine zu kommen und ihrer Rolle als Mutter, Schwester, Freundin oder Kollegin gerecht zu werden. Die Notwendigkeit der Gründung einer eigenen Frauen-Gruppe – für und mit Frauen – wurde im Gespräch mit betroffenen Frauen deutlich. Der Name der Gruppe – Les Géantes (dt. Die Riesinnen) – steht für die enorme Kraft, die sie aufbringen müssen. Sie soll ihnen einen Raum bieten, in dem sie wieder zu sich finden können.
Fragen & Antworten von Teilnehmerinnen
1. Wie blickt die Gesellschaft Ihrer Erfahrung nach auf suchtkranke Frauen?
Die Gesellschaft betrachtet Frauen mit Suchterkrankung mit deutlich mehr Argwohn als Männer. Vor allem dann, wenn sie Mütter sind. Die Mutterrolle gilt als unvereinbar mit einer Sucht: Als Mutter darf man sich keine Fehler erlauben. Auch im direkten Umfeld der Betroffenen herrscht oft grosses Unverständnis, was Schamgefühle und die Isolation zusätzlich verstärkt. Der Körper und die Psyche von Frauen reagiert stärker auf Alkohol und andere Substanzen. Aus diesem Grund sind Frauen besonders gefährdet, u. a. Gewaltopfer zu werden.
2. Was sind die Gründe dafür?
Die gesellschaftlichen Normen und Erwartungen an Frauen sind sehr hoch. Vorurteile und unbeholfene Reaktionen, vor allem von Männern, die das Leid der Frauen herunterspielen, machen es ihnen schwer, sich zu offenbaren.
3. Was ist Ihre Motivation, an der Gruppe teilzunehmen? Worin sehen Sie den Mehrwert?
Die Gruppe hilft mir, mein Suchtverhalten besser zu verstehen und abstinent zu bleiben. Es ist sehr wertvoll, sich über persönliche Erfahrungen auszutauschen: Ich lerne von den anderen und fühle mich weniger allein. Die Tatsache, dass wir nur unter Frauen sind, gibt Sicherheit und hilft mir, mich zu öffnen. Ich habe weniger Hemmungen, intime Themen anzusprechen. Wären auch Männer dabei, hätte ich Angst, verurteilt oder missverstanden zu werden. Die Gruppe hilft, aus der Einsamkeit auszubrechen, und bietet zusätzlichen Schutz: Da wir unter Frauen sind, muss ich keine Angst haben, wieder eine Beziehung zu einem suchtkranken Mann einzugehen. Das ist mir in der Vergangenheit passiert und ist böse ausgegangen. Die Gruppe bietet Raum für gegenseitige Unterstützung, Verständnis und einen Neubeginn.